bg
polski | deutsch | english

Wenn mich jemand fragte, obich eine Band kenne, welche ihrem Rezipienten eine ehrliche, tiefgründige und düstere musikalische Message darbietet, würde ich ohne Zögern zwei Worte nennen: „Nightly Gale“. Wollte jemand, dass ich die fünf größten Doom-Metal-Bands des Globus nenne, wäre ohne Zweifel auch hier der Name darunter. Manche meinen, diese Band macht Töne für Selbstmörder... Für mich sind Nightly Gale eine lebende Ikone von Musik voller Trauer, Unruhe, extremer Gefühle, doch voller Schönheit zugleich, total absorbierend – so wurde ich vor Jahren ihr Gefangener – und das ganz freiwillig! Sweet suffering, welcome to my world...

MROCZNA STREFA [im weiteren Verlauf MS]: Hi Sławek! Nett, Euch unter den Lebenden zu sehen! Viel Wasser ist die Flüsse herab geflossen... Du kannst die Geduld der Fans überstrapazieren :-)

Nightly Gale [NG]: Sei gegrüßt! Es stimmt, etwas Zeit ist vergangen, aber, Alter, wir spielen Doom, also musste es so lange dauern! Wenn ich jetzt lese, dass die Leute uns diese, sagen wir, Trägheit übel nehmen, dann bedauere ich höchstens ein Jahr. Denn vor genau einem Jahr hätten wir „Illusion of evil“ herausbringen können. Von unserer Seite bitte ich um das mildeste Strafmaß und kann versichern, dass der Nachfolger im Herbst diesen Jahres aufgenommen, und am Anfang 2007 erhältlich sein wird.

[MS]: Aus einigenQuellen ließ sich entnehmen, dass Ihr „Illusion...“ im Zeitraum von nur 7 bis 10 Tagen geschrieben habt. Es kann nicht sein! Gib zu, Du hast die Musik lange im Kopf herumgetragen. Sage nicht, Du hättest die ganze Zeit lang die Instrumente nicht angerührt!

[NG]: Sieben Tage – so viel Zeit gab uns Chuck Norris, und da wir uns mit der Vision eines Trittes aus der halben Umdrehung nicht anfreunden wollten... ;-) Tatsächlich haben wir seit „... And Jesus wept“ nicht gespielt und es war gut so, so klingt dieses Material nicht übermäßig getüftelt. Wir waren bestimmt hungrig nach neuen Klängen und deshalb war das Tempo der Entstehung eben nicht „doomig“. Die Musik ist vor allem ehrlich, da Du weißt, dass wir nicht unter das Publikum spielen, und einfach, da es nicht um Technik geht sondern um Gefühle. Ich gebe zu, wir haben im Studio ein kleines Stück von „Vanity“ geändert, aber sonst ist alles so, wie wir es beim ersten mal beabsichtigt hatten.

[MS]: Jarek Toifl ist wohl der ideale Partner zum Kreieren der Musik für Nightly Gale, da Ihr so schnell fertig geworden seid. Ich habe den Eindruck, Ihr ergänzt Euch ideal?

[NG]: Wir können uns in jeder Frage einigen. Unsere Vision, wie die Musik von Nightly Gale sein soll ist von Anfang an dieselbe und wir wissen genau, was uns gefällt. Jarek ist ein Mensch, der sich in alles, was er macht sehr engagiert, nicht nur was Nightly Gale angeht, sondern auch was die Produktion anderer Bands, er mag keinen Weg des geringsten Widerstandes. Dank seines Berufes haben wir nicht die Probleme mit einem Toningenieur, wie das in Vergangenheit der Fall war.

[MS]: Ich war ein wenig überrascht, als ich im CD-Booklet las, dass Waler [Waldemar Sagan – Anm. d. Ü.] nicht mehr Mitglied der band ist, sondern nur einen Session-Status hat. Heißt das, dass Du in Zukunft die harschen Vocals aufgibst? Sie gaben Eurer Musik einen bestimmten „Charme“. Ihr kennt Euch mit Waldemar so lange, gab es da Missverständnisse oder hat sich bloß deine Konzeption der Musik, deine Vision von NG in Zukunft geändert?

[NG]: Unsere Vision von NG hat sich nicht verändert, nur Waler hat immer mehr den Eindruck gemacht, dass er sich nicht nicht interessiert, was wir mit Jarek vorhaben. Jetzt ein Beispiel: für „Illusion...“ haben wir angefangen, den Gesang am Montag aufzunehmen und wollten in 7 Tagen fertig werden :-) Am Sonntag schlossen wir mit dem Titelstück ab, in dem recht viel von Walers Stimme zu hören sein sollte. Du hast das Stück gehört, also weißt Du, dass es nur eine Stelle mit seiner Stimme gibt. Nachdem diese Aufnahme fertig war, sagte er, dass er jetzt weg müsse, weil er eine Verabredung mit einem Mädel hat. Ich gebe zu, dass ich es später nicht bereut habe, weil ich im Titelstück die besten Gesangspassagen des ganzen Albums gemacht habe, aber im ersten Augenblick ist man ganz perplex. Wegen etwas Ähnlichem wurde seinerzeit Grzegorz gefeuert. Wir haben mit Jarek die Arbeit beendet, lenkten die Veröffentlichung in die Wege und nach einer weiteren Nummer Walers haben sich unsere Wege getrennt. Wir haben jetzt 99% der Musik und alle Texte des neuen Albums, auf dem es keinen Kreischgesang geben wir, ob es jemanden gefällt oder nicht. Nach 10 Jahren kehren wir zum ursprünglichen Konzept zurück und ob es weniger „charmant“ wird ist lediglich Geschmackssache. Ich kann anfügen, dass die Platte 7 Stücke enthalten wird, die 70 Minuten dauern werden.

[MS]: Als ich Eure neue CD zum Rezensieren erhalten habe und gesehen habe, dass sie auf der Rückseite von EastSide signiert ist, fragte ich: „Hat Sławek nicht mit Firebox/Firedoom gesprochen?“. Ich denke Ihr würdet ideal zu ihrem Katalog passen und glaube nicht, dass sie an „IoE“ nicht interessiert wären. Was für einen Vertrag habt Ihr mit EastSide? Sucht Ihr einen Verleger im Ausland? Es wäre mehr als einen Versuch wert, die Finnen anzuschreiben.

[NG]: Der Vertrag mit EastSide ist nach drei Monaten bereits Vergangenheit. Ein Album in einem Auktionshaus [allegro.pl – das polnische Pendant zu eBay.de -Anm. d. Ü.] einzustellen kann jeder und wir brauchen konkrete Werbung nach so einer langen Pause. Jetzt hat Foreshadow Productions das übernommen und ich bin zuversichtlich, dass es eine fruchtbare Zusammenarbeit wird. Was das Ausland angeht, wir haben „IoE“ an 30 verschiedenen Labels verschickt, auch an die Finnen. Vielleicht ist es verfrüht zu sagen, dass nichts daraus geworden ist, aber so sieht es im Moment aus. Wir haben noch 9-10 Monate, jedoch wenn nichts geboren wird, wird auf dem Nachfolger von „IoE“ NGCD02 stehen.

[MS]: Ich weiß, dass eine beträchtliche Anzahl Kopien von „...and Jesus wept“ es ins Ausland geschafft hat. Wie wurde das Album aufgenommen?

[NG]: Dann weißt Du mehr als ich :-) Was die Stimmen angeht – was ich so im Internet gelesen habe, wie üblich: von Verriss bis zum Lob.

[MS]: Jetzt, nachdem ich „IoE“ genau kenne, behaupte ich ausdrücklich, dass sowohl „...and Jesus wept“ als auch „The Bleeding Art“ zugänglicher und leichter aufnehmbar sind. Es sind dort mehr Melodien und erhabene Momente :). Empfindest Du es ähnlich? War es beabsichtigt?

[NG]: Wir denken genauso, obwohl es ein paar aufgelockerte Momente gibt, die mehr in die ältere Schiene passen. Der Effekt war teils beabsichtigt, und teils Werk des Zufalls. Man könnte sagen, wir ließen uns von der Musik tragen und sie bestimmte die Richtung. In meiner Empfindung sind noch ungenutzte Lager von Düsternis, in die wir noch abtauchen müssen, damit unsere Musik den Hörer noch intensiver fertig machen kann, nach einem schweren Arbeitstag.

[MS]: „Illusion of Evil“ ist unbestritten Euer düsterstes Werk, die Stücke erwecken den Anschein minimalistisch zu sein, jedoch entdeckt man nach mehrmaligem intensiven Anhören ein Reichtum an Klängen, einen zweiten Boden. Ich habe den Eindruck, Du hast weit mehr Bitterkeit in die Komposition einfließen lassen. Gab es eine künstlerische Konzeption?

[NG]: Wir sind nicht bei einem Wettbewerb, in dem die Dosis an Düsternis über die Qualität entscheidet. Dass wir zum gegebenen Zeitpunkt „IoE“ gemacht haben, ist nichts besonderes. Über die Jahre kamen wir mit kleinen Schritten zu dem, was darauf enthalten ist und wenn man es so betrachtet, war es eine natürliche Entwicklung. Auf der anderen Seite könnten wir fröhlich, locker und leicht spielen, sozusagen. Ich habe nie bestritten, dass wir düstere, langsame und schwere Musik machen wollen, ohne kommerzielle Elemente und ein wenig abgedreht, wie unsere Saxophon-Parts. Wir bewegen uns im Doom-Metal-Rahmen, aber nach unseren eigenen Gesetzen und die Musik, die wir machen ist immer ein bisschen durchdacht, obwohl es auch Platz für Improvisation und Verrücktheit gibt. Nicht immer wird das, was wir uns denken auch realisiert, aber darum geht es doch im Spiel mit Musik.

[MS]: Der orientalische Gesang in „At your command“ klingt sehr spannend. Ist es Deine verfremdete Stimme?

[NG]: Es sind Samples aus dem Balkan, die Jarek im Studio fand. Es ist also nicht meine Stimme. Ich finde, es war ein interessantes Experiment und so beschlossen wir, es so zu lassen. Aber in Zukunft möchte ich nicht so viele Samples benutzten, jedenfalls nicht Gesangssamples. Ich habe einiges vor mit meiner eigenen Stimme und es wird kein Platz sein für solche Sachen.

[MS]: Ich sehe „IoE“ als eine Erzählung über die Begegnung mit eigenen Dämonen der Reue, Niedergeschlagenheit, des Zornes, des Gefühls des Verlustes und des missbrauchten Vertrauens. Liege ich falsch, oder habe ich etwas für Dich Wichtiges übersehen?

[NG]: Weißt Du, wenn man nach dem Genuss von 0,75 l von Feuerwasser anfängt, Texte zu schreiben, dann weiß man nie so genau, worüber man da geschrieben hat. Am nächsten Morgen stellst Du fest: O, ich habe etwas erzeugt, wäre interessant zu wissen, worüber. Mann, gut, dass ich so wenig Text geschrieben habe, sonst müsste ich mich wohl einnähen. Du hast noch vergessen, die psychische Krankheit, hervorgerufen durch das übermäßige Starren auf den PC-Bildschirm zu erwähnen. Sorry, jetzt ist es raus, bin kein echter Doom-Metaller :-)

[MS]: „I saw her face .. it was illusion of evil...“. Wen oder was hast Du gemeint?

[NG]: Der Typ aus der Geschichte ist ein wenig abgedreht. In seiner Gummizelle erinnert er sich an das Gesicht der Person, die eine Aura des Bösen verbreitet hatte. Er wusste, dass es nur ein Spiel war. In Wirklichkeit war diese Person nicht böse, aber ihre Worte habe es ihn glauben lassen, und so musste er sie wirklich erkennen, von innen sehen, was sich hinter dieser Fassade verbirgt. Indem er sie tötet, lüftet er das Geheimnis. Ungefähr dasselbe erhält man, wenn man einen Gothic-Fan ausquetscht :-)

[MS]: Die Songtexte auf dem neuen Album empfinde ich als sehr persönlich, auf Deinen intensiven Emotionen basierend, die mit dem weiblichen Teil der Erdenbewohner zu tun haben. Nicht unbedingt den glücklichen übrigens... habe ich Recht?

[NG]: Es ist immer mal besser mal schlechter mit den Weibsbildern. Über die besseren Momente schreibe ich nicht, weil wir uns dann in „Boys“ umbenennen und die Musik in Disco vom Feld ändern müssten. Hier möchte ich anmerken, dass ich gar gut Bescheid weiß in den Kapellen, die zur Kartoffel- oder Tüften- oder gar zur Erdäpfel-der-Schrecklichen-Ernte spielen :) Dieser schlechten Erfahrungen waren mehr und manchmal sickert etwas dann durch, doch würde ich nicht sagen, dass meine Texte persönlich seien. Ich habe nie jemanden gefoltert oder getötet und käme nicht auf den Gedanken. Glaube ich :) Die Lyrics zu „At your command“ und „Betrayal“ enthalten einige Elemente, aber ich habe sie mit so dicker Linie gezeichnet, dass sie unwirklich sind.

[MS]: Jetzt stelle ich Dir eine Frage wie aus „Bravo“ oder „Popcorn“. Wie ist Frauenideal in den Augen von Sławek Pyrzyk?

[NG]: Ich mag nicht zu große Brünetten. Meine gg-Nummer ist 5804708 :) [gg=GaduGadu, ein in Polen sehr populärer Instant-Messenger – Anm. d. Ü.]

Es hat jemand mal gesagt, dass es der tiefste Wunsch des Menschen sei, die Liebe zu finden – ein süßer Duft der Vergänglichkeit. Stimmst Du dem zu?

[NG]: Es hat auch jemand gesagt, dass er mit 90 sterben wolle während er eine 20-jährige Blondine mit großen Brüsten bumst. Das ist wohl interessanter als das Motiv mit der Vergänglichkeit. Ich muss zugeben, dass ich in letzter Zeit wenig über Liebe und Vergänglichkeit nachgedacht habe, weil ich mehr bodenständige Probleme zu bewältigen hatte. Es ist bestimmt gut, jemanden zu haben, mit dem man durchs Leben geht, nur habe ich so jemanden noch nicht getroffen.

[MS]: Nun möchte ich Dich etwas außer-musikalisches fragen. Ich weiß genau, dass Du eine gefestigte Meinung zu politisch-sozialen Fragen und zur Religion hast. Könntest Du Deine Meinung über diese Themen hier, in der Republik Polen und jetzt kundtun?

[NG]: Es ist toll. Was sage ich: es ist affengeil. Ich habe letztens gelesen, dass es einen Gesetzesentwurf gibt, dass man Männer verhaften soll, die einen Puff besuchen. Endlich eine Aufgabe für die Polizei, da sie Verbrecher eh nicht festnehmen können. Ich sehe schon den Kommandanten der Hauptwache die Brust stolz vor dem Staatspräsidenten gestreckt meldend, wie viele Deliquenten er im gerechten Kampf mit der Prostitution verhaften konnte. Natürlich wird das alles live im TV Sram [unübersetzbares Wortspiel, etwa „TV Scheiß“; Anspielung an den Namen des TV-Senders TV Trwam, der zum Umkreis des katholisch-konservativen Radio Maryja gehört - Amn. d. Übers.] übertragen zum allgemeinen Applaus der Omas in ihren Mohair-Baretts. Außerdem wird der oberste Inquisitor der (... - hier eine Nummer von 4. bis 100. einsetzen) Republik Polen, Pater T. Rydzyk, dann die eifrigsten Beamten mit Stipendien für den Einsatz im Kampf mit dem schrecklichen Bösen, das den männlichen Teil der Gesellschaft verzehrt, belohnen und ein lebenslanges Pay-TV-Trwam-Abo mitsamt Digital-Decoder und Sat-Schüssel mit aufgemaltem Kreuz und dem Logo der Pfarrgemeinde dazulegen. Amen!

[MS]: Langsam zum Ende kommend, sage mir Sławek, ob es eine Chance gibt, ein einziges, exklusives Konzert zu erleben, mit ausgesuchtem Bühnenbild, Effekten und anderem Zeugs? Ich bin überzeugt, dass es einige Fans gibt, die Eurem Mysterium mit offenem Mund folgen würden. Kannst Du uns versprechen, dass wir Euch einmal live sehen?

[NG]: Ich sage nicht, dass es unmöglich ist, aber sehr schwierig aus logistischen Gründen. Um einen einzigen Auftritt zu realisieren, bräuchten wir 3-4 zusätzlichen Leute, damit es überhaupt Sinn macht. Man könnte zwar fast alles von einem Laptop abspielen, aber wozu. Im Moment konzentrieren wir uns auf wichtigere Dinge wie die Promotionarbeit für „IoE“ und die Arbeit am Nachfolger. Vielleicht nächstes Jahr, wenn es auf einem interessanten Doom-Fest eine Gelegenheit zum spielen geben sollte, werden wir darüber nachdenken.

[MS]: Ist Dir bewusst, dass Du eine Art Visionär bist? Im Interview mit dem deutschen Refraktor‘zine hast Du den Vertrag mit Pagan Rec. Und das Erscheinen für breitere Öffentlichkeit vorausgesehen. Wie siehst Du die Zukunft von Nightly Gale?

[NG]: Ich glaube nicht, dass sich unser Status mit den Verlegern ändern wird, also werden wir wahrscheinlich unser drittes Album selbst veröffentlichen, eventuell mit Hilfe von jemand anderem.

[MS]: Ich danke für die geopferte zeit und die wunderbaren Klänge der Platte. Es bleibt mir nichts anderes, als um mehr zu bitten...

[NG]: Ein großes Danke auch an Dich für die Promotion-Arbeit für Nightly Gale in Mroczna Strefa. Die neue Musik wird Dich befriedigen, das garantiere ich. Besucht unsere offizielle Website und macht Bekanntschaft mit „Illusion of Evil“ für den sehr günstigen Preis (10 EUR inkl. Porto – Anm. d. Ü.)

Interview geführt von Warzych, April 2006.

Übersetzung: © Gollum, Juli 2006.

Zurück zur Gesprächliste